Das Phantom zwickt mich ins Bein und erinnert mich daran, dass du mir die Uhr geschenkt hast. Mir kommen die Tränen.
Jeden Morgen wenn ich aufwache, sitzt es schon auf meiner Bettdecke und wartet. Wartet bis ich mich das letzte Mal umgedreht habe, verschlafen auf den Wecker schaue und dann aufstehe. Es springt vom Bett und schlurft noch etwas müde hinter mir her. Die Schulter hängen, aber die Augen sind wachsam. Allein lässt es mich nie. Durch den letzten Spalt der sich schließenden Tür schlüpft es hinter mir ins Bad. Während ich auf dem Klo sitze und meine Zähne putze wandert mein Blick zu den Bildern an der Wand. Dort wo dein Bild hing klebt es jetzt und winkt. Dich vergessen soll ich nicht. Das würde es nie zulassen.
Ich steige aus meinem T-Shirt und in die Badewanne. Als die ersten Tropfen auf mein Haar fallen, tippt es mir an den Kopf. Das Phantom. Plötzlich ist es, als stünde ich unter deiner Dusche. Von oben prasselt das heiße Wasser auf meinen Körper, auf meinem Rücken spüre ich die kalten Strahlen der Massagefunktion. Ich kann dein Duschgel riechen und hör dich rufen, dass du nun zur Arbeit gehst. Es lacht als ich mich abtrockne und schlingt seine langen Arme um mich, als ich ins große Handtuch gewickelt im Bad stehe. Los lässt es mich nicht. Mit großen Augen schaut es mich an, als ich die Cremetube öffne und einen Klecks zwischen den Handflächen verteile. Aus dem Spiegel schauen mir meine erschöpften Augen entgegen.
Ich ziehe mich an, schmeiße all meine Sachen in die große graue Wildledertasche und schaue auf meine Armbanduhr. Das Phantom zwickt mich ins Bein und erinnert mich daran, dass du mir die Uhr geschenkt hast. Mir kommen die Tränen. Auf der Straße weht mir der erste warme Sommerwind des Jahres entgegen. Manchmal denke ich, ich bin glücklich. Das Phantom nimmt mir jedes Mal, wenn ich dieses Gefühl habe, die Hälfte von dem Glück ab. Es teilt alles mit mir. Nimmt mir die Hälfte und wirft sie sich lachend in den Rachen.
Jeden Tag gehe ich meine Wege, zur Arbeit, zu meinen Freunden, einkaufen, joggen. Es ist immer an meiner Seite. Wenn ich eine neue Erfahrung mache oder einen neuen Menschen kennen lerne, schmälert es meine Begeisterung, es trübt meinen Blick und wirft mich immer wieder zurück. Jeden Abend gehe ich schlafen, in der Hoffnung, dass es am nächsten Tag einfach nicht mehr da sein wird. Das Phantom.
Ich schließe die Augen, weil ich es nicht mehr sehen will, nicht mehr an es denken, an seine Anwesenheit, die mich nur verunsichert, mich belastet, mir das Leben schwer macht. Ich öffne die Augen und sehe, wie es mich aus großen traurigen Augen ansieht. Flehend fast schon. Ich drücke es an mich und weine ein bisschen. Nebeneinander liegen wir in meinem Bett und lassen nicht voneinander. Es schnarcht ein bisschen bevor es einschläft. Und ich? Liege wach und bekomme kein Auge zu. Ich bin nie allein. Bist du es?
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