Donnerstag, 30. Juni 2011

Minuten im Leben

"Ich weiß nicht, was ich noch machen soll!"

Betrunkenes Geschwätz, denke ich mir. Betrunkenes Geschwätz. Und trotzdem berührt es mich.

"Ich liebe sie doch! Wie kann sie denn jetzt nur so abweisend sein? Sie hat mich doch auch mal geliebt! Das kann doch nicht einfach so weg sein?"

Da ist nichts, was ich sagen könnte, oder tun, um ihm zu helfen. Ich denke mir, dass Männer nicht weinen sollten. Trotzdem berührt es mich. Und macht mich auf eine sonderliche Art traurig. Meinetwegen weint niemand.

"Wenn ich sie jetzt hier so sehe, dann weiß ich: Das ist die Frau die ich heiraten möchte! Ich hab echt Angst davor, dass sie einen Anderen haben könnte. Das könnte ich nicht ertragen!"

Es fällt mir nichts ein, das ich sagen könnte. Er dreht sich weg von mir. Will nicht mehr, dass ich seine Tränen sehe. Ich lege meine Hand auf seinen Rücken. Eine Geste des Trostes, obwohl ich doch ganz genau weiß: Es gibt keinen Trost. Da ist nichts, was den Schmerz lindern könnte. Man muss ihn aushalten, bis er nachlässt. Ebenso die Verzweiflung.

"Ich weiß nicht, was ich noch machen soll! Ich würde ja vor ihrem Balkon Gitarre spielen, einen Song singen, der nur für sie geschrieben wurde. Aber sie hat leider keinen Balkon..."

Er auch keine Gitarre. Und singen kann er auch nicht. Aber das spielt in dem Moment keine Rolle.
Was mir einfällt, sind Vorwürfe. Dass es zu spät ist. Dass er sich früher hätte bemühen müssen. Dass es nicht hilft sie täglich 10 mal anzurufen. Ich spreche es nicht aus. Will es ihm nicht noch schwieriger machen. Ich weiß doch, wie das ist, mit der unerfüllten Liebe. Es gibt keine Worte, die helfen. Keine Erklärungen, keine Gründe, kein Verstehen. Auch wenn man immer denkt, es würde besser gehen, wenn man nur verstehen könnte. Zu wissen, macht alles nur schlimmer.

"...und jetzt ist sie ständig mit dir unterwegs. Das gefällt mir gar nicht, du bist nicht gut für sie. Und ehrlich gesagt bin ich auch ganz schön eifersüchtig, immer wenn ich höre, dass sie mit dir weg ist..."

Kurz überlege ich, ihm zu sagen, dass es da nichts gibt auf das er eifersüchtig sein müsste. Leere Worte. Als ob es für ihn einen Unterschied machen würde. Ich weiß doch genau, wie es sich anfühlt, sich ständig zu fragen, nie zu wissen, wie es dem anderen geht, was er jetzt grade macht.

"Ich liebe sie mehr als alles andere! Ständig wimmelt sie mich ab, wenn ich ihr das verständlich machen will. Mit fadenscheinigen Ausreden, mit Termin, mit Verabredungen, mit dir. Ich will doch nur, dass sie mich irgendwann wieder so liebt, wie ich sie..."

Es macht mich traurig, was er sagt. Ich fühle mich einsam, wie ich dort stehe, ihm zu höre und dabei versuche Trost für ihn zu finden, obwohl ich doch schon für mich selbst nicht genug habe. Es macht mich traurig. Und auch ein wenig neidisch. Weiß ich doch genau, dass sich niemand so um mich sorgt.

"Versprich mir, dass du immer auf sie aufpasst!"

Ich lächle traurig und nicke.

"Und bitte sag ihr, dass ich sie liebe. Du bist doch ihre beste Freundin. Vielleicht versteht sie es, wenn du es ihr sagst!"

Ich schlucke. Es macht mich traurig, das zu sagen, aber die Wahrheit tut immer weh, egal wie lange man es hinauszögert sie auszusprechen.

"Es ist zu spät.", antworte ich ihm endlich. "Es gibt nichts, was du noch machen könntest, sie wird nicht zurückkommen. Und egal wie oft du aussprichst, dass du sie liebst, es wird nichts ändern."
Die Vorwürfe und Erklärungen spare ich mir.

Wieder hat er Tränen in den Augen. Und ich denke mir noch, dass Männer nicht weinen sollten. Weil es mich traurig macht. Und hilflos.

"...was soll ich denn noch machen???", fragt er wieder.

"Frag dich, ob du die nächste Minute noch ohne sie aushältst.", antworte ich ihm. "Und nach der Minute, noch eine Minute. Und dann noch eine, und noch eine,... . Das ist jetzt dein Leben!"

Meins ist es schon lange.