Samstag, 30. April 2011

Du bist...

Du bist der Stachel in meinem Fleisch, der sich tief in meine Brust bohrt und an meinen Rippen schabt.

Du bist das Vitamin B, was ich nicht habe und nie haben werde. Du bist der Ex Freund, der mich betrogen und verlassen hat. Du bist alles, was ich hasse.

Ohne dich bin ich besser dran. Es geht mir gut, ich bin glücklich und zufrieden. Wenn ich dann von dir träume, ist es, als verkörperst du meine tiefste Verletzung, meine größte Angst, meinen tiefsten Fall und härtesten Aufschlag. Wenn du erscheinst, bedeutet das meistens nichts Gutes. Dann fühle ich, wie du meine Gedanken an dich reißt, wie du mich einnimmst und auf meinen Schultern lastest, wie ein riesiger Felsbrocken. Dann versuche ich dich abzuschütteln und spiele meine Angst herunter indem ich noch mehr arbeite oder mir Arbeit suche, um dich verdrängen zu können. Aber immer und immer wieder schaffst du es, die Oberhand zu gewinnen und irgendwann schlägst du mit voller Wucht zu und es fühlt sich an, als ob ich auf dem Boden aufschlage und meine Knochen in tausend kleine Teile zerbersten.

Du bist unwiderruflich das Schlimmste, was mir je begegnet ist. Das Schlimmste, was mir passieren konnte. Ich hasse dich jedes Mal, wenn dein Bild in meinem Kopf auftaucht, ich deine Stimme höre oder Sachen finde, die mich an dich erinnern. Du bist das, was ich nicht gebrauchen kann. Du bist das, was mich behindert. Du bist das, was wahrscheinlich immer zu mir gehören wird.

Du bist mein schlechtes Gewissen.
Du bist meine Empathie.
Du bist mein Herz.
Du bist das, was mich zu einem Menschen macht.
Du wirst niemals gehen.

Du bist ich.

In Gedanken krank.

Melde dich, wenn du weißt, was ich für dich bin...

...Wenn du weißt, dass ich für dich bin, dann melde dich. Aber ansonsten lass mich in Ruh’.

Lass mich nicht warten, warten auf etwas, das so nie kommen wird. Ich bin nicht alt, aber alt genug um zu wissen, dass das verlorene Zeit ist. Zeit, die ich nicht habe. Nicht haben will…Nicht für dich.Oder doch?

Denn davon gab es schon zu viel. Zu viele Momente, Gedanken, Luftblasen. Luftblasen, über das Leben, wie es sein könnte. Aber nicht ist. Nicht sein kann und niemals sein wird. Und das liegt an dir.Oder nicht?

Dich gibt es und das macht mich wortlos. Wortlos ob meiner eigenen Hilflosigkeit. Hilflos, weil ich nichts ändern kann.
Ich bin machtlos. Und hätte gern das Machtlos gezogen. Dann wäre ich in deiner Position. Erhaben. Erhaben über meine Gefühle.

Gedanken lassen sich nicht steuern. Gedanken beißen sich fest. Beißen sich in den letzten Winkel des Gehirns.

Unfälle hinterlassen Narben. Gedanken ganze Narbengeflechte. Irrgärten, in denen ich mich verlaufe. Verlaufen will.
Keine Wegweiser, die mir die Richtung zeigen. Keine Stoppschilder, die mich Achtsamkeit mahnen. Kein Tempolimit. Und so rausche ich dahin. Die pure Freiheit. Gefangen in meinem eigenen Kopf.

Sprichst du mit Anderen, bedenke deine Gedanken. Lebensentwürfe gehen schief. Schiefer als deine krummsten Gedanken jemals dachten.
Doch bereuen geht erst, wenn alle Mittel erschöpft sind. Und Gedankengut ist unerschöpflich. Zumindest in meinem Kopf.

Dein Kopf hat schon lange die Bremse gezogen und den Rückwärtsgang eingelegt. Auf den Fahrtwind geschissen.

Freitag, 29. April 2011

Dinge, die ich dir nicht erzählen würde

Meine Lippen wären zerbissen und blutig, meine Handflächen zerkratzt, aber ich würde lächeln, ja ich würde lächeln.

Ich könnte dir erzählen, wie gut es mir geht, wie ausgelassen ich jeden Tag begrüße. Ganz ohne Bauchschmerzen, ohne dunkle Gedanken oder einem Herzen aus Blei.
Das Kotzen, den Durchfall und die Tränen, den Schmerz, die unendliche Verzweiflung würde ich dir verschweigen.

Ich könnte dir erzählen, dass ich mit großer Freude unsere gemeinsamen Lieder höre, dabei an die Nächte denke, die wir zusammen auf durchgelegenen Sofas verbracht haben.
Ich würde dir sagen, wie sehr ich die Lieder mitsinge. Ohne zu weinen.

Ich könnte dir erzählen, dass ich keine Hoffnung mehr habe, mich doch noch zu ändern und dir endlich gerecht werden könnte und nicht in den Spiegel schaue, in dem ich jedes Mal Tja, haste dir selbst eingebrockt lese.

Und ich könnte dir erzählen, dass ich noch an unsere Welt glaube, die uns zu Füßen liegt, an die Welt, die wir Hand in Hand überrollen wollten, lachend über jede Hürde walzend. Wir selbst als unsere eigenen Tankstellen, gegenseitiges Kräftetanken. Ich würde dir nicht sagen, dass mir die Welt noch immer zu Füßen liegt. In Scherben.

Das hättest du nicht verdient. Du hättest die Wahrheit nicht verdient zu erfahren, weil du es nicht verstehen würdest und es nicht schätzen würdest.

Aber wenn du mich fragen würdest, könnte ich dir erzählen, dass ich jeden Abend mit meinen Freunden um die Häuser ziehe, eine grüne Flasche. iDas die Hand zur Faust geballt ist würde ich nicht sagen.

Und wenn ich mit dir sprechen würde, dann würde ich dir nicht von dem Nasenbluten erzählen, das ich hatte, nachdem ich ein fremdes Mädel angepisst habe, in dem Glauben, dass sie Diejenige ist, der jetzt Abends neben dir einschläft.
Ich würde dir nichts von den Tränen erzählen, die sich mit dem Blut und dem Rotz vermischt haben, als ich auf der Treppe eines Hauseingangs gesessen und so laut geheult habe, dass die Nachbarn Müll aus den Fenstern nach mir geworfen haben.

Wenn ich deine Handy-Nummer noch gespeichert hätte, würde ich dir jede Nacht SMS schicken in denen steht, dass ich mittlerweile an all den Orten war, die wir zusammen bereisen wollten, wenn wir mehr Geld und Zeit gehabt hätten. Aber nichts von dem leeren Konto, das sich nicht mal drei SMS an dich leisten könnte.

Wenn ich dich treffen würde und du mich mit deiner frechen Art fragen würdest, wie es mir eigentlich geht, dann wäre ich wie dieser Typ aus der Cola-Zero Werbung und würde lächeln.
Meine Lippen wären zerbissen und blutig, meine Handflächen zerkratzt, aber ich würde lächeln, ja ich würde lächeln.

Ich würde dir von den Wochenenden erzählen, davon dass ich jede Freitag Nacht neben meiner neuen großen Liebe einschlafe. Ich würde dir nicht sagen, dass ich jeden Samstag Morgen neben einem fremden Typ aufwache.
Und überhaupt würde ich dir erzählen, wie toll der Sex mit fremden Männern ist. Dass ich nur an dich dabei denke, falls ich mal einen kriege, würde ich dir nicht sagen.

Nein die Wahrheit hättest du nicht verdient.

Wenn ich deine neue Adresse hätte, würde ich dir Postkarten schicken, wie toll das Wetter ist und wie gut das Essen schmeckt. Ich würde dir nichts von der Appetitlosigkeit schreiben oder dem Regen, der ständig an meine heimischen Fenster prasselt.

Und wenn mich deine Freunde noch kennen würden, dann würde ich ihnen sagen, dass sie dir ausrichten sollen, wie gut es mir geht, dass ich nach den ganzen Monaten schon lange nicht mehr an dich denke. Ich würde ihnen kleine Bierdeckel für dich in die Taschen stecken, auf denen steht, dass ich es endlich begriffen habe. Dass es zwar lange gedauert hat, ich viel zu lange auf deine Vorwürfe gestarrt habe, aber erst jetzt den Durchblick habe.
Ich würde ihnen sagen, dass die Wunden geheilt sind und sie fürsorglich nach den deinigen Fragen.

Aber das hätten diese Wahrheiten nicht verdient. Denn ich habe mich erst hierher gebracht.

Die Frage nach der Überforderung

Und das alles ist selbstverständlich. So normal. Wenn ich euch sage, ich schaffe das nicht, kommt von euch: "Doch, das geht schon."

Die Frage nach der Überforderung. Ich bin überfordert. Ich weiß nicht, wo mein Kopf steht. Ich arbeite 8-10 Stunden am Tag.Ich habe zig Nebenjobs. Ich organiesiere, kontrolliere, revidiere. Ich versuche, mein Essverhalten zu kontrollieren. Allein der Supermarkt ist für mich eine Herausforderung, die am Ende des Tages naht. Ich muss meinen Körper akzeptieren. Ich kämpfe jeden Tag mit meinen Stimmungsschwankungen. Ich habe die person verloeren die ich am meisten liebe. ich soll mich mit dem Schmerz abfinden. Ich führe meinen eigenen Haushalt. Ich soll "Zeit für mich finden".

Und das alles ist selbstverständlich. So normal. Wenn ich euch sage, ich schaffe das nicht, kommt von euch: "Doch, das geht schon." Liebeskummer, Studium und Arbeit. Haben wir auch gemacht. Dann hat man halt ein paar Jahre kein Privatleben.Man lebt eben ein paar jahre nicht, sondern funktioniert nur.

Alles fängt sich an zu drehen. Um die 7 Komponenten, die ich tagtäglich in meinem Leben ausbalancieren soll. Die alle gut laufen müssen, weil mein Leben sonst kippt.
Die Arbeit gibt mir Halt. Gibt meinem Tag einen Sinn, fordert mich geistig, gibt mir Routine. Der Erfolg gibt mir Selbstbewusstsein und das Gefühl, weitermachen zu müssen, WEIL ICH ES KANN.
Die Uni brauche ich, um einen Abschluss zu haben. Um etwas vorweisen zu können. Um etwas im Leben gelernt und erlebt zu haben. Um Erfahrungen gemacht zu haben. Sie wird mich aussaugen.
Mein Essverhalten muss ich unter Kontrolle haben, um nicht wieder in einer Klinik zu landen. Um mich gut zu fühlen. Einkaufen ist eine Katastrophe. Manche Tage auch. Es läuft nicht gut.
Meinen Körper muss ich akzeptieren, damit ich mich nicht hasse. Damit ich mich traue, morgens aus dem Haus zu gehen. Und nicht die Bettdecke über den Kopf zu ziehen.
Die Stimmungsschwankungen bringen mich um. Nehmen mir jegliche Kontrolle. Manchmal. Ignoriere ich sie, werden sie schlimmer. Bearbeite ich sie, funktioniere ich nicht richtig.
Mein Haushalt ist wichtig, damit ich mich wohlfühle. Die Wohnung sollte mir Wärme geben, doch Sie ist kalt - ohne IHN. Fordert Arbeit.
"Zeit für mich" - Ha ha. Wann. Das letzte Glied in der Reihe. Doch so wichtig. Ich soll malen, raus gehen, Freunde treffen, mich nicht verhalten wie eine 35-jährige Frau. Klar.

Eines dieser Teilchen muss anders laufen als geplant und mein Leben läuft aus den Fugen. Überfordert mich. Gibt mir das Gefühl, aufgeben zu müssen. Nicht mehr weiter machen zu können. Und gerade gerät mein Leben aus den Fugen- wegen IHM. Er hat meinen Rythmus durcheinander gebracht. Er hat mich verletzt. Er hat mich zerstört.
Ein wenig Kritik in der Arbeit. Schlechte Note. Im Supermarkt fehlt die eine bestimmte Milch. Ich weiß nicht, was ich essen soll. Mein Körpergefühl ist schlecht. Ich fühle mich nicht gut. Habe Bauschschmerzen. Jemand durchkreuzt meinen straffen Zeitplan. Ich finde keine Zeit für mich.

Und dann kommt das echte Leben dazu. Das Leben da draussen. Rechnungen, Mahnungen, Arztbesuche, Gebühren, Strafzettel, Versicherungen. Freunde, Beziehungen, Einladungen.

Zu viel. Alles zu viel. Zu viel. Zu viel. Zu viel. Zu viel.

Mein Kopf PLATZT.

Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Wohin wohin wohin?

In wie weit darf man sich auf seine Umgebung und Familie stützen? Hilfe einfordern. Was passiert wenn man heute sagt, ich kann nicht mehr. Wer soll einem helfen. Wer sagt einem, Hey Mädchen, wir fangen hier an. Wir machen das so und so und so. Prioritäten kann ich nicht setzten, denn ich habe ja ein Siebeneck, welches gerade die Balance verloren hat. Ich habe gesagt ich kann nicht mehr, ihr seid da. Aber ihr könnt mir nicht helfen.

Wieso sollte ein anderer meine Aufgaben und Versäumnisse ausbaden müssen? Wieso sollte sich jemand mein Versagen zu Herzen nehmen? Ich will das nicht. Ich möchte niemandem zur Last fallen.

Und wenn, dann möchte ich ernst genommen werden. Möchte, dass man mir glaubt und die Alarmglocken angehen, wenn ich sage: Ich bin überfordert.

Aber was sollt ihr auch tuen.

Wenn ich sage, ich bin überfordert, dann meine ich das. Dann sage ich das nicht, wenn ich gerade nicht mehr will. Oder einen schlechten Tag habe. Oder weil ich kein Geld mehr habe. Dann sage ich das, wenn ich SCHWIMME. Und fast UNTERGEHE.

Vielleicht bin ich für das Leben, allein in einer Gesellschaft nicht gemacht. Doch was ist die Alternative?

Kämpfen? Ja. Aber wenn ich die Rüstung verliere, bin ich schnell verletzbar.

Donnerstag, 28. April 2011

Ich hätte es mir gewünscht

Wenn sich ein kleines Kind wochenlang auf ein Spielzeug freut, das es aber erst zu Weihnachten bekommen wird, steigert sich die Vorfreude so dermaßen weit über die eigentliche Freude über das Spielzeug, dass es - das Kind - alles in den Hintergrund räumt, was an dem Spielzeug nicht stimmen könnte. Spätestens an Neujahr merkt das Kind, dass dieses Spielzeug lange nicht die Qualitäten erfüllt, die es sich erhofft oder vorgestellt hatte. Aber versuch mal, einem Kind am ersten Weihnachtsfeiertag zu sagen, dass das Spielzeug ganz einfach Schrott ist. Es wird das nicht verstehen wollen.

Diesen Vergleich stellte ich nach zwei Jahren Beziehung mit einem Kerl auf, der mich zwei Jahre behandelte, als wäre ich ein rostiges Stück Eisen im Keller. Und ja, zwei lange Jahre lang wollte ich es mir nicht eingestehen, handelte in Demut und Unterwürfigkeit, schön verpackt in einer Angst, die mir jeden Tag zuflüsterte "Wenn er nicht mehr da ist, bist du wieder alleine."
Und wieder alleine zu sein, schon der Gedanke war viel schlimmer als jede weitere Woche, die wir uns anschwiegen.

Bevor ich ihn kennenlernte, war ich eine einsame Kröte, die seit 23 Jahren auf einem langen Feldweg vor sich hinkrabbelte, den Krötenkopf alle zwei Meter nach einem Begleiter ausstreckte und doch alleine weiterkroch. Die paar Typen, die ich in den Jahren kennengelernt hatte, dienten nur dazu, mir zu zeigen, wie es sein könnte. Mit einem festen Partner, mit einem Mann an der Seite, wie meine Oma immer sagte. Diese Männer waren meisten nach wenigen Wochen schon wieder auf einem anderen Feldweg und ich kroch alleine weiter.

Ich hatte es satt. Ich war es so leid, immer wieder aufzugeben oder aufgegeben zu werden. Oft war ich diejenige gewesen, die die Männer wieder in die Wüste schickte, völlig am Ende, völlig zerrieben und verbraucht. Natürlich suchte ich die Ursachen bei mir. Konnte ja nur an mir liegen und meinen Traumvorstellungen, die ich von einer Partnerschaft hatte, die länger halten sollte als ein Versprechen im Wahlkampf.
Ich stürzte abwechselnd in Depressionen und Arbeit. Schaufelte mich in Beschäftigungen und Projekte, die mir nicht am Herzen lagen.
Und durch die Arbeit und den Sport lernte ich ihn kennen. Als den, der er war: ein verschwiegener seltsamer Kerl, der mich auf Anhieb beachtete, mich beeindruckte. Obwohl es langsam anlief, wollte ich keine Zeit verlieren, drängte ihn . Er hatte, wie ich, einen überschaubaren Bekanntenkreis, arbeitete viel.

Wenn ich die erste Zeit unserer Beziehung aus der heutigen Sicht betrachte, wird mir klar, dass wir die ersten Monate nur damit verbrachten, uns kennenzulernen und zu erzählen, was wir in den Jahren zuvor erlebt und verarbeitet hatten. Danach sagten wir uns kaum noch etwas Relevantes, außer den Dingen, die uns der Alltag gab und schnell wieder verschluckte. Wir lebten in einer schönen Wohnung, sahen uns morgens vor der Arbeit, abends nach der Arbeit und später im Bett.
Jeder normale Mensch hätte den Kopf geschüttelt, wenn er uns und unsere Beziehung als solche erlebt oder beobachtet hätte. Es gab Tage, an denen redete ich mehr mit meinen Pflanzen als mit ihm. Wenn ich die stillen Momente unterbrechen wollte, zu ihm durchdringen und mit ihm reden wollte, winkte er oft ab oder sah mir in die Augen, während ich ihm sagte, dass ich das Schweigen als Belastung empfand, und seufzte dann nur laut und zuckte mit den Schultern.
"Aber ich mag dich doch" waren dann die üblichen Wörter, die er wählte, um mich zu beruhigen.
Und das glaubte ich ihm sogar, das glaube ich ihm heute auch noch. Jedenfalls empfand er das, was er als Mögen bezeichnete, offensichtlich nicht nur für mich.
Wenn wir miteinander schliefen, tat er das sehr still, fast geräuschlos. Immer in der gleichen Stellung, mechanisch, ohne ein nettes Wort oder einer zärtliche Berührung. Er streifte nach seinem Orgasmus das Kondom ab und verschwand ins Bad. Als müsste er sich säubern, sich reinigen. Von mir.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir einen Ausflug in eine benachbarte Altstadt machten. Wir spazierten durch die kleinen Gassen in diesem Städtchen, links und rechts waren kleine Bars und Kneipen. An den Gassenrändern standen Tische und Stühle, geschmückt mit Girlanden und Kerzen, als er plötzlich meine Hand nahm und ich so erschrocken war, so überrumpelt durch die Berührung, dass ich meine Hand zurückzog, als hätte mich eine Biene gestochen. Mir war diese Situation sofort sehr peinlich und ich schaute mich um, in der Angst, dass das jemand gesehen hätte.

Ich sprach in den gemeinsamen zwei Jahren, die wir zusammen hatten, viel mit meiner Freundin. Über unsere Beziehung, über ihn und ob das alles denn normal sei oder ich mir etwas vormachte. Meine Mutter beschwichtigte, dass es zwischen ihr und meinem Vater auch nicht immer rosig gewesen war. Aber zwischen mir und meinem Freund war es nie rosig. Nur kalt und starr. Aber das sagte ich ihr nicht und tat so, als hätte ich mich beruhigt.
In diesen Jahren redete ich mir ständig ein, dass das so schon stimmte, dass das so schon ginge - nur nicht mehr alleine die kleine Kröte sein. Das wollte ich nicht.

Im letzten Jahr unserer Zeit als Paar versuchte ich immer öfter, mit ihm ein normales Leben herzustellen, redete auf ihn ein, schrieb ihm lange Briefe und versuchte durch Sex - der fast nicht mehr stattfand - meine Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Er reagierte wie ein Hund, den man jahrelang getreten hatte und plötzlich mit Leckereien und Streicheleinheiten überhäuft wurde - er war verunsichert und traute mir noch weniger.

Wir wohnten in einer Fußgängerzone, in der nur Häuser standen, in denen Geschäfte im Erdgeschoss und Büroräume in den Stockwerken oben drüber waren und abends, nach Geschäftsschluss, waren die anderen Häuser gegenüber unserer Wohnung fast komplett dunkel.
Manchmal stand ich nachts auf und schlich leise durch die Wohnung. Von der Küche ins Wohnzimmer, ins Arbeitszimmer und wieder zurück ins Schlafzimmer. Die Wohnung war dunkel, bis auf das wenige Licht, das durch die Leuchtreklame von draußen in unser Wohnzimmer scheinte.
"There's a light that never goes out" summte ich dabei im Kopf.
Ich betrachtete in diesen Nächten die leeren Häuser auf der anderen Straßenseite, die mich durch ihre dunklen Fenster, wie aus leeren Augenhöhlen eines Totenkopfes, anstarrten und ich starrte zurück, versuchte nicht einzuknicken, stellte mir dabei vor, ich würde ihm in die Augen schauen, vor denen ich so oft gekniffen hatte und dann sah ich in allen Fenstern nur noch sein Gesicht, seine traurigen Augen, die mich anstarrten. Mir wurde kalt und ich ging zurück ins Bett.

Ich weiß nicht, ob er die nächtlichen Wanderungen nicht mitbekam oder mich nicht fragen wollte, warum ich nachts so oft auf den Beinen war, jedenfalls sprach er es nie an. Ich wollte ihm davon erzählen, von den Eindrücken, die ich dabei empfand und dass mich die dunklen Fenster an sein Gesicht erinnerten, aber ich kam mir pathetisch und dumm vor, also ließ ich es bleiben.

Eines Abends hatte ich zuviel Wein getrunken, ich hatte keine Kontrolle mehr über die Dinge, die ich sagen und lieber nicht sagen wollte. Ich schüttete mich aus, schüttete ihm den ganzen Rotz vor die Füße, der sich in den letzten Jahren in meinem Inneren, auf meinem Herzen angesammelt hatte, schimpfte, schrie und lachte dabei. Er saß mir gegenüber am Esstisch, den Teller mit Essensresten noch vor sich und er spielte dabei mit einem Feuerzeug, ließ es immer wieder aufflammen. Als ich nicht mehr konnte und auf eine Reaktion, eine Entschuldigung, eine Einsicht oder wenigstens eine Regung von ihm wartete, fragte er mich ganz ruhig, wegen welcher Sache genau ich denn in diesem Moment weinen würde.

In der Nacht, in der ich ihm sagte, dass ich gehen und mich von ihm trennen würde, brannten nur ein paar Kerzen auf dem tisch, die ich zuvor für das Abendessen angezündet hatte. Die restliche Wohnung war dunkel. Bis auf die Schatten, die durch die flackernden Kerzen an die Wände geworfen wurden, fand keine Bewegung im Raum statt.
Er versuchte natürlich nicht, mich irgendwie davon zu überzeugen, bei ihm zu bleiben. Er machte gar nichts. Sah auf die Flammen der Kerzen und rechnete dann laut vor sich hin, was er nach mir alles erledigen und regeln musste.
Und da fiel mir auf, dass die Leuchtreklame nicht brannte, die ja sonst immer brannte. Aber ich fand es nicht schlimm, ich war sogar irgendwie froh darüber, dass es auch Lichter gab, die durchaus mal ausgehen konnten. Sollten.
Ich hoffe, dass ich aus den zwei Jahren gelernt habe, mich nie wieder in solchen Schlamm begeben werde, der mich nicht ertrinken und doch nicht laufen lässt.
Für mich war in der Trennungsnacht Neujahr. Ich war bereit, mich von dem Spielzeug zu trennen, nach dem ich so viele Jahre Ausschau gehalten hatte.