Wenn sich ein kleines Kind wochenlang auf ein Spielzeug freut, das es aber erst zu Weihnachten bekommen wird, steigert sich die Vorfreude so dermaßen weit über die eigentliche Freude über das Spielzeug, dass es - das Kind - alles in den Hintergrund räumt, was an dem Spielzeug nicht stimmen könnte. Spätestens an Neujahr merkt das Kind, dass dieses Spielzeug lange nicht die Qualitäten erfüllt, die es sich erhofft oder vorgestellt hatte. Aber versuch mal, einem Kind am ersten Weihnachtsfeiertag zu sagen, dass das Spielzeug ganz einfach Schrott ist. Es wird das nicht verstehen wollen.
Diesen Vergleich stellte ich nach zwei Jahren Beziehung mit einem Kerl auf, der mich zwei Jahre behandelte, als wäre ich ein rostiges Stück Eisen im Keller. Und ja, zwei lange Jahre lang wollte ich es mir nicht eingestehen, handelte in Demut und Unterwürfigkeit, schön verpackt in einer Angst, die mir jeden Tag zuflüsterte "Wenn er nicht mehr da ist, bist du wieder alleine."
Und wieder alleine zu sein, schon der Gedanke war viel schlimmer als jede weitere Woche, die wir uns anschwiegen.
Bevor ich ihn kennenlernte, war ich eine einsame Kröte, die seit 23 Jahren auf einem langen Feldweg vor sich hinkrabbelte, den Krötenkopf alle zwei Meter nach einem Begleiter ausstreckte und doch alleine weiterkroch. Die paar Typen, die ich in den Jahren kennengelernt hatte, dienten nur dazu, mir zu zeigen, wie es sein könnte. Mit einem festen Partner, mit einem Mann an der Seite, wie meine Oma immer sagte. Diese Männer waren meisten nach wenigen Wochen schon wieder auf einem anderen Feldweg und ich kroch alleine weiter.
Ich hatte es satt. Ich war es so leid, immer wieder aufzugeben oder aufgegeben zu werden. Oft war ich diejenige gewesen, die die Männer wieder in die Wüste schickte, völlig am Ende, völlig zerrieben und verbraucht. Natürlich suchte ich die Ursachen bei mir. Konnte ja nur an mir liegen und meinen Traumvorstellungen, die ich von einer Partnerschaft hatte, die länger halten sollte als ein Versprechen im Wahlkampf.
Ich stürzte abwechselnd in Depressionen und Arbeit. Schaufelte mich in Beschäftigungen und Projekte, die mir nicht am Herzen lagen.
Und durch die Arbeit und den Sport lernte ich ihn kennen. Als den, der er war: ein verschwiegener seltsamer Kerl, der mich auf Anhieb beachtete, mich beeindruckte. Obwohl es langsam anlief, wollte ich keine Zeit verlieren, drängte ihn . Er hatte, wie ich, einen überschaubaren Bekanntenkreis, arbeitete viel.
Wenn ich die erste Zeit unserer Beziehung aus der heutigen Sicht betrachte, wird mir klar, dass wir die ersten Monate nur damit verbrachten, uns kennenzulernen und zu erzählen, was wir in den Jahren zuvor erlebt und verarbeitet hatten. Danach sagten wir uns kaum noch etwas Relevantes, außer den Dingen, die uns der Alltag gab und schnell wieder verschluckte. Wir lebten in einer schönen Wohnung, sahen uns morgens vor der Arbeit, abends nach der Arbeit und später im Bett.
Jeder normale Mensch hätte den Kopf geschüttelt, wenn er uns und unsere Beziehung als solche erlebt oder beobachtet hätte. Es gab Tage, an denen redete ich mehr mit meinen Pflanzen als mit ihm. Wenn ich die stillen Momente unterbrechen wollte, zu ihm durchdringen und mit ihm reden wollte, winkte er oft ab oder sah mir in die Augen, während ich ihm sagte, dass ich das Schweigen als Belastung empfand, und seufzte dann nur laut und zuckte mit den Schultern.
"Aber ich mag dich doch" waren dann die üblichen Wörter, die er wählte, um mich zu beruhigen.
Und das glaubte ich ihm sogar, das glaube ich ihm heute auch noch. Jedenfalls empfand er das, was er als Mögen bezeichnete, offensichtlich nicht nur für mich.
Wenn wir miteinander schliefen, tat er das sehr still, fast geräuschlos. Immer in der gleichen Stellung, mechanisch, ohne ein nettes Wort oder einer zärtliche Berührung. Er streifte nach seinem Orgasmus das Kondom ab und verschwand ins Bad. Als müsste er sich säubern, sich reinigen. Von mir.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir einen Ausflug in eine benachbarte Altstadt machten. Wir spazierten durch die kleinen Gassen in diesem Städtchen, links und rechts waren kleine Bars und Kneipen. An den Gassenrändern standen Tische und Stühle, geschmückt mit Girlanden und Kerzen, als er plötzlich meine Hand nahm und ich so erschrocken war, so überrumpelt durch die Berührung, dass ich meine Hand zurückzog, als hätte mich eine Biene gestochen. Mir war diese Situation sofort sehr peinlich und ich schaute mich um, in der Angst, dass das jemand gesehen hätte.
Ich sprach in den gemeinsamen zwei Jahren, die wir zusammen hatten, viel mit meiner Freundin. Über unsere Beziehung, über ihn und ob das alles denn normal sei oder ich mir etwas vormachte. Meine Mutter beschwichtigte, dass es zwischen ihr und meinem Vater auch nicht immer rosig gewesen war. Aber zwischen mir und meinem Freund war es nie rosig. Nur kalt und starr. Aber das sagte ich ihr nicht und tat so, als hätte ich mich beruhigt.
In diesen Jahren redete ich mir ständig ein, dass das so schon stimmte, dass das so schon ginge - nur nicht mehr alleine die kleine Kröte sein. Das wollte ich nicht.
Im letzten Jahr unserer Zeit als Paar versuchte ich immer öfter, mit ihm ein normales Leben herzustellen, redete auf ihn ein, schrieb ihm lange Briefe und versuchte durch Sex - der fast nicht mehr stattfand - meine Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Er reagierte wie ein Hund, den man jahrelang getreten hatte und plötzlich mit Leckereien und Streicheleinheiten überhäuft wurde - er war verunsichert und traute mir noch weniger.
Wir wohnten in einer Fußgängerzone, in der nur Häuser standen, in denen Geschäfte im Erdgeschoss und Büroräume in den Stockwerken oben drüber waren und abends, nach Geschäftsschluss, waren die anderen Häuser gegenüber unserer Wohnung fast komplett dunkel.
Manchmal stand ich nachts auf und schlich leise durch die Wohnung. Von der Küche ins Wohnzimmer, ins Arbeitszimmer und wieder zurück ins Schlafzimmer. Die Wohnung war dunkel, bis auf das wenige Licht, das durch die Leuchtreklame von draußen in unser Wohnzimmer scheinte.
"There's a light that never goes out" summte ich dabei im Kopf.
Ich betrachtete in diesen Nächten die leeren Häuser auf der anderen Straßenseite, die mich durch ihre dunklen Fenster, wie aus leeren Augenhöhlen eines Totenkopfes, anstarrten und ich starrte zurück, versuchte nicht einzuknicken, stellte mir dabei vor, ich würde ihm in die Augen schauen, vor denen ich so oft gekniffen hatte und dann sah ich in allen Fenstern nur noch sein Gesicht, seine traurigen Augen, die mich anstarrten. Mir wurde kalt und ich ging zurück ins Bett.
Ich weiß nicht, ob er die nächtlichen Wanderungen nicht mitbekam oder mich nicht fragen wollte, warum ich nachts so oft auf den Beinen war, jedenfalls sprach er es nie an. Ich wollte ihm davon erzählen, von den Eindrücken, die ich dabei empfand und dass mich die dunklen Fenster an sein Gesicht erinnerten, aber ich kam mir pathetisch und dumm vor, also ließ ich es bleiben.
Eines Abends hatte ich zuviel Wein getrunken, ich hatte keine Kontrolle mehr über die Dinge, die ich sagen und lieber nicht sagen wollte. Ich schüttete mich aus, schüttete ihm den ganzen Rotz vor die Füße, der sich in den letzten Jahren in meinem Inneren, auf meinem Herzen angesammelt hatte, schimpfte, schrie und lachte dabei. Er saß mir gegenüber am Esstisch, den Teller mit Essensresten noch vor sich und er spielte dabei mit einem Feuerzeug, ließ es immer wieder aufflammen. Als ich nicht mehr konnte und auf eine Reaktion, eine Entschuldigung, eine Einsicht oder wenigstens eine Regung von ihm wartete, fragte er mich ganz ruhig, wegen welcher Sache genau ich denn in diesem Moment weinen würde.
In der Nacht, in der ich ihm sagte, dass ich gehen und mich von ihm trennen würde, brannten nur ein paar Kerzen auf dem tisch, die ich zuvor für das Abendessen angezündet hatte. Die restliche Wohnung war dunkel. Bis auf die Schatten, die durch die flackernden Kerzen an die Wände geworfen wurden, fand keine Bewegung im Raum statt.
Er versuchte natürlich nicht, mich irgendwie davon zu überzeugen, bei ihm zu bleiben. Er machte gar nichts. Sah auf die Flammen der Kerzen und rechnete dann laut vor sich hin, was er nach mir alles erledigen und regeln musste.
Und da fiel mir auf, dass die Leuchtreklame nicht brannte, die ja sonst immer brannte. Aber ich fand es nicht schlimm, ich war sogar irgendwie froh darüber, dass es auch Lichter gab, die durchaus mal ausgehen konnten. Sollten.
Ich hoffe, dass ich aus den zwei Jahren gelernt habe, mich nie wieder in solchen Schlamm begeben werde, der mich nicht ertrinken und doch nicht laufen lässt.
Für mich war in der Trennungsnacht Neujahr. Ich war bereit, mich von dem Spielzeug zu trennen, nach dem ich so viele Jahre Ausschau gehalten hatte.