Freitag, 29. April 2011

Dinge, die ich dir nicht erzählen würde

Meine Lippen wären zerbissen und blutig, meine Handflächen zerkratzt, aber ich würde lächeln, ja ich würde lächeln.

Ich könnte dir erzählen, wie gut es mir geht, wie ausgelassen ich jeden Tag begrüße. Ganz ohne Bauchschmerzen, ohne dunkle Gedanken oder einem Herzen aus Blei.
Das Kotzen, den Durchfall und die Tränen, den Schmerz, die unendliche Verzweiflung würde ich dir verschweigen.

Ich könnte dir erzählen, dass ich mit großer Freude unsere gemeinsamen Lieder höre, dabei an die Nächte denke, die wir zusammen auf durchgelegenen Sofas verbracht haben.
Ich würde dir sagen, wie sehr ich die Lieder mitsinge. Ohne zu weinen.

Ich könnte dir erzählen, dass ich keine Hoffnung mehr habe, mich doch noch zu ändern und dir endlich gerecht werden könnte und nicht in den Spiegel schaue, in dem ich jedes Mal Tja, haste dir selbst eingebrockt lese.

Und ich könnte dir erzählen, dass ich noch an unsere Welt glaube, die uns zu Füßen liegt, an die Welt, die wir Hand in Hand überrollen wollten, lachend über jede Hürde walzend. Wir selbst als unsere eigenen Tankstellen, gegenseitiges Kräftetanken. Ich würde dir nicht sagen, dass mir die Welt noch immer zu Füßen liegt. In Scherben.

Das hättest du nicht verdient. Du hättest die Wahrheit nicht verdient zu erfahren, weil du es nicht verstehen würdest und es nicht schätzen würdest.

Aber wenn du mich fragen würdest, könnte ich dir erzählen, dass ich jeden Abend mit meinen Freunden um die Häuser ziehe, eine grüne Flasche. iDas die Hand zur Faust geballt ist würde ich nicht sagen.

Und wenn ich mit dir sprechen würde, dann würde ich dir nicht von dem Nasenbluten erzählen, das ich hatte, nachdem ich ein fremdes Mädel angepisst habe, in dem Glauben, dass sie Diejenige ist, der jetzt Abends neben dir einschläft.
Ich würde dir nichts von den Tränen erzählen, die sich mit dem Blut und dem Rotz vermischt haben, als ich auf der Treppe eines Hauseingangs gesessen und so laut geheult habe, dass die Nachbarn Müll aus den Fenstern nach mir geworfen haben.

Wenn ich deine Handy-Nummer noch gespeichert hätte, würde ich dir jede Nacht SMS schicken in denen steht, dass ich mittlerweile an all den Orten war, die wir zusammen bereisen wollten, wenn wir mehr Geld und Zeit gehabt hätten. Aber nichts von dem leeren Konto, das sich nicht mal drei SMS an dich leisten könnte.

Wenn ich dich treffen würde und du mich mit deiner frechen Art fragen würdest, wie es mir eigentlich geht, dann wäre ich wie dieser Typ aus der Cola-Zero Werbung und würde lächeln.
Meine Lippen wären zerbissen und blutig, meine Handflächen zerkratzt, aber ich würde lächeln, ja ich würde lächeln.

Ich würde dir von den Wochenenden erzählen, davon dass ich jede Freitag Nacht neben meiner neuen großen Liebe einschlafe. Ich würde dir nicht sagen, dass ich jeden Samstag Morgen neben einem fremden Typ aufwache.
Und überhaupt würde ich dir erzählen, wie toll der Sex mit fremden Männern ist. Dass ich nur an dich dabei denke, falls ich mal einen kriege, würde ich dir nicht sagen.

Nein die Wahrheit hättest du nicht verdient.

Wenn ich deine neue Adresse hätte, würde ich dir Postkarten schicken, wie toll das Wetter ist und wie gut das Essen schmeckt. Ich würde dir nichts von der Appetitlosigkeit schreiben oder dem Regen, der ständig an meine heimischen Fenster prasselt.

Und wenn mich deine Freunde noch kennen würden, dann würde ich ihnen sagen, dass sie dir ausrichten sollen, wie gut es mir geht, dass ich nach den ganzen Monaten schon lange nicht mehr an dich denke. Ich würde ihnen kleine Bierdeckel für dich in die Taschen stecken, auf denen steht, dass ich es endlich begriffen habe. Dass es zwar lange gedauert hat, ich viel zu lange auf deine Vorwürfe gestarrt habe, aber erst jetzt den Durchblick habe.
Ich würde ihnen sagen, dass die Wunden geheilt sind und sie fürsorglich nach den deinigen Fragen.

Aber das hätten diese Wahrheiten nicht verdient. Denn ich habe mich erst hierher gebracht.

1 Kommentar:

  1. Auch dieser Text ist sooo mitreißend und man kann die Gedanken verstehen. Ihm nicht sagen zu wollen, wie man sich fühlt.
    Diese Maske aufhaben zu wollen ....

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