Freitag, 3. Juni 2011

Deine Wahrheit

Heute habe ich deine Zahnbürste in den Rhein geworfen...

Ich wollte sie weder in meinen Badezimmerschrank, noch in meinen Müll oder dieser Stadt haben. Melodramatisch? Ja. Total. Ich weiss. Aber es hat gut getan. Sie flog in hohem Bogen und wurde dann immer kleiner. Als sie unter der Brücke durchfloss, war ich kurz versucht, zur anderen Seite zu rennen, um wie ein kleines Kind zu sehen, wie sie dort weiterschwimmt. Und ich hätte sie gern beobachtet, bis ich sie nicht mehr hätte sehen können. Das dagegen war mir dann aber zu albern. Sattdessen habe ich mich umgedreht und bin weiter im Regen spazieren gegangen. Dabei habe ich nachgedacht.

Was ist Wahrheit?

Du hast gesagt, dass du mich magst. Ich glaube, das war die Wahrheit. Du willst dich noch nicht ganz binden, hast du gesagt. Das habe ich nur so halb verstanden. Klar, Unabhängigkeit ist schön, aber wenn man doch Gefühle füreinander hat, wozu dann künstlicher Abstand? Nur um sich freier zu fühlen?

Was ist Wahrheit?

Ich habe dich gefragt, ob es an mir liegt. Du hast verneint. Es würde nicht um mich gehen, sondern es gehe um das Konstrukt Beziehung. Da würdest du einfach nicht dran glauben. Das war deine Wahrheit. Und ich habe das akzeptiert. Denn du wolltest ja trotzdem bei mir sein, mich sehen und mich küssen.

Ich hab dir deine Wahrheit geglaubt. Ohne zu zögern. Manchmal habe ich mich dabei ertappt, mir eine bessere Beziehung zu wünschen. Ich hatte deswegen dann ein schlechtes Gewissen und redete mir ein, dass ich eigentlich auch keine wollen würde. Dabei kam ich mir sehr reif vor. Reifer als die, die noch Beziehungen eingehen, von denen sie sich dann einschränken lassen.

Ich habe mich so oft zurückgehalten. Dich nicht umarmt, dich nicht geküsst, dir nicht gesagt, dass du mir fehlst. Denn ich wollte dich nicht verschrecken. Manchmal war es schwer. Aber es erschien mir wie ein Kompromiss, durch den wir zusammen sein konnten. Ich habe gemerkt, wie ich daran wachse und mich unglaublich modern gefühlt. Wie naiv ich war, habe ich leider nicht gemerkt.

Was ist Wahrheit?

Jetzt, wo du weg bist, frage ich mich zum ersten Mal, was eigentlich meine Wahrheit während der ganzen Geschichte war. Und ich muss mit Erschrecken feststellen, dass es diese gar nicht gab. Weil ich deine Wahrheit nach anfänglichem Zweifeln einfach zu meiner gemacht habe. So einfach war das. Du hast mich so fasziniert und geblendet, dass ich das, was du sagtest, einfach für richtig hielt! Und wenn ich jetzt darüber schreibe, schäme ich mich. Sehr sogar.

Was ist Wahrheit?

Es werde dir zu eng zwischen uns, hast du nach einem halben Jahr gesagt. Ich hab dich nicht verstanden. Alles, was sich entwickelt hatte, hatten wir doch ungezwungen zusammen aufgebaut! Und wenn ich mich manchmal immer noch heimlich nach mehr sehne, kann es doch gar nicht so eng sein.

Was ist Wahrheit?

Ich frage dich, warum du dich nicht mehr meldest. Und wieso du mich nicht einfach erlöst und das letzte Flämmchen Scheiss-Hoffnung löschst.

Was ist mit der Wahrheit?

Sie war wohl eine Illusion. Die du dir eingeredet hast. An die du geglaubt hast. Und ich auch. An der wir hingen. Bis du deine Wahrheit dann wohl selbst nicht mehr verstanden hast.

Und wie ich jetzt aus der Sache rauskomme, interessiert dich nicht mehr?

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